Ausstellungsarchiv 1996

5. Juli bis 15. September 1996
Zeit seines Lebens war Egon Schiele (1890-1918) von seinem Können überzeugt und zweifelte nicht daran, daß die Weit sein Genie früher oder später erkennen würde. Was Egon Schiele nicht wissen konnte: Wie sehr die Nachwelt, insbesondere seine Biographen und Kritiker ihn nicht nur als Künstler, sondern auch als Mensch mißverstehen, mißinterpretieren und mystifizieren würden; es scheint das unabänderliche Schicksal dieses Künstlers zu sein, bis in die Gegenwart ein Opfer von Pseudoanalytikern zu bleiben. Vielen Schiele-Biographen entgehen seine wichtigsten Charaktereigenschaften: die unbefangene, draufgängerische Offenheit und Unvoreingenommenheit, die ihn in den Augen seiner Zeitgenossen und heutiger Betrachter oft als Sonderling erscheinen ließen und lassen. Schiele hat alles, was ihn bewegte, so vorbehaltlos wiedergegeben, wie er es empfunden hat. Seine Unfähigkeit, scheinheiligen Puritanismus zu praktizieren, war es, die Schiele nicht nur zu seinen Lebzeiten in Schwierigkeiten brachte. Der Zeitgenosse und Freund Schieles, Erich Lederer, der von dem Künstler mehrfach portraitiert wurde und bei ihm Zeichenunterricht genommen hatte, über Schiele: „Von den vielen Menschen, die ich in meinem Leben kannte, war Egon Schiele einer der normalsten.“ Serge Sabarsky
20. September bis 15. Dezember 1996
Lyonel Feininger (1871-1956), der sich selbst als Expressionisten gesehen hat, ist als solcher nur schwer einzuordnen. Der bedeutende Einfluß des Kubismus und das Rationale des Bauhauses, verbunden mit der ihm eigenen Romantik, schaffen einen einzigartigen, unvergleichlichen Stil. Er liebte die Natur, fasziniert war er aber vor allem von „Menschgemachten“. Sein Werk konzentriert sich fast ausschließlich auf die Architektur und die Kunst der Schiffbauer. Einige wenige Stilleben gibt es nur in seinem Frühwerk, auch Porträts hat er verhältnismäßig selten geschaffen. So klar und direkt Feiningers Arbeiten sind, so mysteriös wirken sie auch: Die Traumwelt, die der Künstler schafft, enthält einen ihm eigenen Mythos. Es ist eine Weit voller unausgesprochener Geheimnisse, durchzogen von Humor und Poesie.

20. Dezember 1996 bis 9. Februar 1997
Giorgio Morandi, italienischer Maler und Grafiker, wurde am 20. Juli 1890 in Bologna/Italien geboren. Von 1907 bis 1913 studierte er an der Akademie von Bologna. Ab 1914 war er als Zeichenlehrer an verschiedenen Volksschulen seiner Heimatstadt tätig, bis er eine Professur für grafische Technik an der Bologneser Akademie erhielt (1930 bis 1956). Er starb am 18. Juni 1964 in Grizzana bei Bologna.
Giorgio Morandi hat einen Großteil seiner früheren Werke selbst vernichtet, so daß es sehr schwer ist, Tendenzen und Einflüsse seiner ersten Entwicklung aufzuzeigen. Während seiner Studienzeit entdeckte er durch Reproduktionen die Kunst Paul Cezannes. Gegen 1914 wandte er sich kurze Zeit dem Futurismus und Kubismus zu. Dann folgte eine Periode, etwa 1916 bis 1918, in der er kubistische Gestaltungsweisen in sehr lockerer Form mit pastellartiger Koloristik verfeinerte. Deutlich zeigt sich in dieser Zeit ein Streben nach Ausgewogenheit gedämpfter Farben. 1918 bis 1920 kam es zu deutlichen und intensiven Einflüssen der Pittura Metafisica auf die Kunst von Giorgio Morandi: Isolierung von Gegenständen und Konfrontation dieser Gegenstände inmitten eines unbestimmten und unergründlichen Raums.
In strengen Umrissen und unter Verwendung von hartem Seitenlicht stellt Morandi einfache Dinge - Flaschen, Krüge, Blumenvasen - räumlich gruppiert dar. Ab 1920 fand er schließlich zu seinem ganz persönlichen Stil, der sich von nun an kaum mehr änderte. Seine Bilder kehrten zu immer größerer Ruhe, Einfachheit und dabei Sensibilität zurück. Seine Malerei zeigt eine tiefe, meditative Auseinandersetzung mit einigen wenigen Gegenständen, die er in immer anderen Gruppierungen darstellte. Bezeichnend seine Vorliebe für Erdtöne und Weiß, durch farbliche Durchmodellierung erreicht er eine unheimliche Tiefe. Strenge tektonische Bildordnung wird durch die sanfte, lyrische Farbigkeit gemildert. Einige Landschaftsbilder, menschenleer, weisen mit ihren breit und kräftig aufgetragenen Farbtupfen eine etwas differenziertere Farbigkeit auf als seine Stilleben.
Sein grafisches Werk ist dem malerischen ebenbürtig an die Seite zu stellen. Vor allem in der Technik der Radierung entstanden von 1920/21 bis etwa 1945 große Meisterwerke, perfekt im technischen und kompositorischen Können. Der Zauber seiner Radierungen liegt im reichen, vibrierenden, niemals flachen Licht. Ein Licht, das aus dem Innersten des Bildes kommt.
Mit seiner meditativen, auf die Dingwelt konzentrierten Kunst war Morandi zu seiner Zeit Außenseiter und ist auch heute praktisch keiner Stilrichtung zuordenbar.
Das gesamte Werk Morandis kann mit folgenden Worten perfekt charakterisiert werden: Der Glanz, der im kalten Feuer seiner Gemälde schimmert; die leise Sprache seiner Radierungen, kaum mehr als ein Flüstern; die innerste Handschrift seiner Zeichnungen, reine Schrift der Seele; die kontrollierte Freiheit seiner Aquarelle, wo Farbe und Wasser nach der Unendlichkeit greifen.
